Begegnung auf Augenhöhe: Wenn Barrieren begreifbar werden
Lübbecke -

Gemeinsam für mehr Teilhabe: Einige stimmberechtigte und beratende Mitglieder des Beirats für Inklusion und Teilhabe der Stadt Lübbecke versammelten sich in der Innenstadt, um ein klares Zeichen für Inklusion zu setzen. Getreu dem Motto ihres Plakats setzt sich das Gremium dafür ein, Barrieren im öffentlichen Raum abzubauen und den Dialog auf Augenhöhe zu fördern, damit Inklusion im Alltag für alle spürbar wird.
Wie fährt man mit einem Rollstuhl über eine unebene Fläche? Wie fühlt sich der Alltag an, wenn die Sehkraft schwindet oder die Feinmotorik nachlässt? Der Beirat für Inklusion und Teilhabe der Stadt Lübbecke lud am vergangenen Samstag in der Innenstadt zu einer besonderen Sensibilisierungsaktion ein, die weit über reine Informationsarbeit hinausging.
Es war ein Vormittag des Dialogs und der Selbsterfahrung. Anlässlich des Europäischen Protesttages zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung, welcher am 5. Mai ist, hatte der städtische Beirat für Inklusion und Teilhabe an der Ecke Lange Straße / Steinweg einen Aktionsstand errichtet. Von 10 bis 13 Uhr nutzten zahlreiche Passanten die Gelegenheit, die eigene Heimatstadt für einen Moment aus einer völlig veränderten Perspektive wahrzunehmen.
Die Triebfeder hinter der Aktion war so klar wie sachlich: Das Bewusstsein für die bestehenden Barrieren im öffentlichen Raum zu schärfen. Dabei setzte das Gremium bewusst nicht auf laute Forderungen, sondern auf das praktische Erleben. Der Beiratsvorsitzende Martin Schmidt fasst die Botschaft des Vormittags so zusammen: „Wir sind heute hier anzutreffen, weil wir nicht protestieren, sondern sensibilisieren möchten“, erklärte Schmidt. „Es geht uns darum, das Bewusstsein für die Lebenswelt von Menschen mit Behinderungen zu schärfen und so den Weg für gegenseitige Rücksichtnahme weiter zu ebnen. Nur so kann ein Weg in Richtung im Alltag spürbarer Inklusion weiter beschritten werden“, ergänzt er.
Ein Element des Aktionsstandes war ein Rollstuhlparcours. Einige Bürgerinnen und Bürger, die sich sonst sicher zu Fuß durch die Fußgängerzone bewegen, stießen hier an Herausforderungen. Die Koordination der Räder auf unebenem Untergrund und das Überwinden kleinster Kanten machten deutlich, welche Herausforderungen im Alltag von Rollstuhlfahrenden zu meistern sind. „Es ist interessant, dass einmal selbst zu erleben, um sensibilisierter dafür zu sein“, erklärte eine Bürgerin beeindruckt.
Neben der Mobilität stand auch die Sinneswahrnehmung im Fokus. Mithilfe von Simulationsbrillen konnten Interessierte verschiedene Sehbeeinträchtigungen nachempfinden. In Kombination mit Langstöcken wurde versucht, sich in der Umgebung zu orientieren – eine Erfahrung, die bei vielen Teilnehmern für angeregte Diskussionen und Nachdenken sorgte.
Ein weiteres Augenmerk legte der Beirat zudem auf feinmotorische Einschränkungen, wie sie zum Beispiel bei Multiple Sklerose (MS) auftreten können. So galt es Schrauben und Muttern mit einem Handschuh auf ein Schraubenbrett aufzuschrauben oder davon zu lösen. Dies schuf ein tieferes Verständnis für Krankheitsbilder, die im Alltag nicht selten „unsichtbar“ bleiben.
Über die Mitmachaktionen hinaus bot der Stand reichlich Raum für Begegnung und Gespräch. Inklusion, so der Tenor des Vormittags, ist kein statischer Zustand, sondern ein Prozess, der vom gegenseitigen Austausch lebt und sich immer weiter einer Zielmarke annähert, ohne diese jemals ganz zu erreichen. „Inklusion und Teilhabe leben vom gegenseitigen Dialog“, resümierte Martin Schmidt am Ende der Aktion. Es gelte, die aktuellen Grenzen für betroffene Menschen aufzuzeigen und diese praktisch für die Heimatstadt zu erweitern. Gemeinsam mit allen und stets auf Augenhöhe. Auch Informationsmaterial lag bereit, um den gegenseitigen Austausch zu fördern und Wissenstransfer zu ermöglichen.
Der Vormittag in der Lübbecker Innenstadt hat erneut gezeigt: Verständnis wächst dort am besten, wo Barrieren gemeinsam erlebt und besprochen werden und Begegnung stattfindet. Für den Beirat war die Aktion ein wichtiger Schritt, um das Thema Inklusion fest im Bewusstsein der Bürgerinnen und Bürger zu verankern und gemeinsam davon zu profitieren.