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Ein Nachmittag im Zeichen der Nächstenliebe

Lübbecke -

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Tradition seit 1856: Die historische Fassade erinnert an die Anfänge der Einrichtung, die sich über die Jahrzehnte vom Armenhaus zur modernen vollstationären Pflegeeinrichtung entwickelt hat.

Wenn im Obernfelder Pflegehaus die kleine Sterbeglocke auf dem Dach läutet, hält die Gemeinschaft für einen Moment inne. Es ist ein Ritual, das so alt ist wie das Haus selbst. Seit dem 17. Juni 1856 wird hier Abschied genommen, vor allem aber wird hier seit fast 170 Jahren Gemeinschaft gelebt. Kürzlich feierte eine der ältesten diakonischen Einrichtungen im Altkreis, welche sich heute in Trägerschaft der Ludwig Steil Hof Pflege gGmbH befindet, ihr großes Jubiläum. Es wurde ein Nachmittag voller Erinnerungen, Musik und spürbarer Dankbarkeit.

Dass es dieses Haus überhaupt gibt, ist der Entschlossenheit dreier Schwestern zu verdanken. In den bitterarmen 1850er Jahren, als es weder Renten noch Krankenversicherungen gab, sahen Caroline, Marie und Luise von der Reck das Elend im Lübbecker Land. Die Töchter des Freiherrn Carl von der Reck wollten helfen. Weil das Geld fehlte, sparte sich die Familie die nötigen Taler im wahrsten Sinne des Wortes vom Munde ab. Es wurde gestrickt, genäht und Handarbeit verkauft, bis nach zwei Jahren die stolze Summe von 500 Talern zusammen war. Der Vater steuerte das Grundstück bei.

Als das damalige Armenhaus schließlich bezugsfertig war, zogen neben der Hausmutter und den ersten Pfleglingen, worunter sich Waisen, Alte und Kranke befanden, auch eine Kuh für 35 Taler, ein Schwein und Hühner ein. Selbstversorgung war damals überlebenswichtig, alle packten mit an.

Festliche Andacht und flauschiger Besuch

Diese persönliche, fast familiäre Atmosphäre haben wir uns bis heute bewahrt, hieß es am Rande der Feierlichkeiten, die mit einer feierlichen Andacht und kurzen Grußworten begannen. Bei Kaffee und Kuchen im Garten wurde anschließend viel erzählt und gelacht, während das Musik-Duo Bernd und Bella für den passenden Ton sorgte.

Ein ganz besonderes Highlight wartete im Grünen auf die Gäste: Einige geduldige Alpakas waren extra für das Jubiläum angereist und ließen sich von den Anwesenden ausgiebig streicheln, was für viele strahlende Gesichter und emotionale Momente sorgte.

Ein echter Hingucker war zudem der Auftritt des Lübbecker Stadtführerteams um Uwe Feldmann. Mit ihrem historischen Stück „Lübbecke zur Kaiserzeit“ entführten die Akteure die Gäste gut 40 Minuten lang auf eine kleine Zeitreise, ganz ohne Mikrofone oder Verstärker, dafür mit viel Herzblut und Spielfreude unter freiem Himmel.

Der Gottesdienst unter der liturgischen Leitung von Pfarrerin Johanna Oevermann begann schwungvoll mit Klavierbegleitung. Sie rief in Erinnerung, dass Psalmen uns an unsere jüdischen  Wurzeln erinnern. Ebenso seien sie ein Zeugnis dafür, wie die Menschen sich in allen Lebenslagen an Gott gewandt hätten. Wenig später zitierte sie Worte aus dem Psalm 100, bevor ein weiteres Lied schallend das Festzelt erfüllte.

Ein unsichtbarer, tragfähiger Faden

Pfarrerin Oevermann fand auch eine Antwort auf die Frage, was bleibt, wenn 170 Jahre vergangen sind. Es bleiben Generationen von Menschen, die in diesem Haus getragen wurden oder gar getragen haben. Und irgendwo zwischen all diesen Gesichtern und Geschichten zieht sich ein unsichtbarer Faden hindurch, der sehr tragfähig ist, erklärte sie. Sie richtete sich an die Bewohnerinnen und Bewohner und machte deutlich, dass Gott gerade jetzt im Älterwerden verlässlich trägt. Wenn ich hier bei meinen Gottesdiensten anwesend bin, dann spüre ich, dass hier ein Ort entstanden ist, an dem man glaubhaft wahrnimmt, dass hier das Leben eine besondere Würde bekommt, ergänzte sie.

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Lebendige Gemeinschaft im Grünen: Zahlreiche Gäste, Bewohner und Mitarbeiter feierten im Garten des Obernfelder Pflegehauses das 170-jährige Bestehen der Einrichtung.

Zudem unterstrich sie, dass dabei auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verlässliche und tragende Säulen sind, für die ihre tägliche Arbeit so viel mehr ist als eine reine Dienstleistung. 170 Jahre, auf die wir heute gemeinsam zurückblicken, bedeuten eine Menge Reformen und gesellschaftliche Umbrüche. Und doch stehen wir heute hier. Das Haus ist immer noch da und hat überdauert. Es sieht sich der Tradition verpflichtet und entwickelt sich mit Weitblick, Herz und Tat weiter, resümierte sie und erinnerte daran, dass es in all den Jahren mit Gott einen gab, der alles zusammengehalten hat.

Dank an das gesamte Team

Wenig später trat Einrichtungs-und Pflegedienstleitung Simone Wlecke an das Mikrofon. 170 Jahre Obernfelder Pflegehaus, das bedeutet auch 170 Jahre Menschlichkeit, Fürsorge und Gemeinschaft, rief sie in Erinnerung. Das Fundament für unsere Arbeit aus christlicher Nächstenliebe und Verantwortung trägt bis heute, auch wenn sich in den Jahren viel verändert hat, ergänzte sie. Der heutige Tag zur Feier des Jubiläums sei für sie vor allem auch ein Dank an viele Menschen. Unter anderem ging dieser an ihr gesamtes Team sowie an die Förderstiftung Obernfelder Pflegehaus und den Förderverein, die im Jahresverlauf und auch bei der Unterstützung des Jubiläums vieles möglich machen.

Bürgermeister Philipp Knappmeyer machte deutlich, dass das Obernfelder Pflegehaus auch ein besonders schönes und lehrreiches Stück Heimatgeschichte sei. Es ist ein Zeugnis dafür, von welchem besonderen, anpackenden Schlag die Menschen im Lübbecker Land früher waren und bis heute sind, resümierte er. Ortsvorsteher Klaus Bernotat gratulierte ebenfalls zum Jubiläum und erinnerte unter 
großem Applaus an die traditionsreiche Geschichte.

Karl Friedrich Rahe vom Förderverein des Obernfelder Pflegehauses hatte ebenfalls einige Dankesworte im Gepäck und stellte die Arbeit des Vereins vor. Mit seiner Gründung vor neun Jahren sollte dieser die Einrichtung nachhaltig unterstützen und besondere Anschaffungen möglich machen. Dieser Grundsatz wird bis heute sehr erfolgreich weiterverfolgt. Diedrich von der Recke blickte als weiterer Redner auf besondere Weise auf seine Familiengeschichte in enger Verwobenheit mit dem Obernfelder Pflegehaus. Über die Stiftung Obernfelder Pflegehaus, welche die Arbeit der Einrichtung von Anbeginn an unterstützt, wird diese Verbindung bis heute anfassbar gelebt.

Zukunftssicher aufgestellt

Heute ist das einstige Armenhaus längst eine moderne, vollstationäre Einrichtung mit 34 Plätzen. Einen wichtigen Meilenstein in der jüngeren Geschichte markierte dabei das Jahr 2021, als die Einrichtung in die Trägerschaft der Ludwig Steil Hof Pflege gGmbH überging. Dies war ein strategischer Schritt, der das geschichtsträchtige Haus zukunftssicher aufgestellt hat.

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Festliche Andacht zum Jubiläum: Pfarrerin Johanna Oevermann leitete den Gottesdienst.

Auch wenn die Anforderungen an das Team anspruchsvoller geworden sind, ist der Kern der Arbeit geblieben: den Menschen ein echtes, sicheres Zuhause zu geben. Die Kuh und die Hühner sind Geschichte, aber die Herzlichkeit der Gründerinnen ist in Obernfelde nach wie vor lebendig.

Pfarrer Stefan Bäumer dankte als Geschäftsführer der Ludwig-Steil-Hof Pflege gGmbH für das große Engagement aller Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und blickte noch einmal auf den besonderen Geist der Einrichtung und des Geländes. Wir möchten weiterhin alles dafür tun, dass das Obernfelder Pflegehaus nicht nur besteht, sondern auch zukünftig wächst und gedeiht. Das tun wir weiterhin sehr gerne und haben die Übernahme der Trägerschaft bis heute nie bereut, betonte er zum Abschluss.

Quelle und Fotos: Ludig-Steil-Hof Pflege gGmbH