• Lübbecke
  • Espelkamp
  • Rahden
  • Pr. Oldendorf
  • Hüllhorst
  • Stemwede

Hilfe zur Selbsthilfe als Berufung

Lübbecke -

https://www.hallo-luebbecke.de/data/Bildarchiv/2026/202607_Juli/20260727_hallo_minden_krull_jubilaum_2.jpg

Die Jubiläumsfeier an der Mühlenbrinkstraße 21. Foto: Petra Spona

In der Mühlenbrinkstraße, ganz am Ende an der B239, zeigt sich ein ungewohntes Bild. Gefüllte Sektgläser auf einem Stehtisch, brutzelnde Würstchen im Schuster-Pommeswagen und Bierzeltgarnituren auf dem Parkplatz vor der Tür. Unverkennbare Zeichen dafür, dass es bei der „Ergotherapie-Praxis Susanne Krull“ etwas zu Feiern gibt. Der Anlass: Seit Januar 1996 und damit seit 30 Jahren besteht Susanne Krulls Praxis in der Wiehengebirgsstadt. Zusammengefunden haben sich hier an diesem mild-warmen Sommertag über 70 Menschen, vom Praxisteam und Kolleginnen und Kollegen aus der Physiotherapie über Freundinnen und Freunde bis hin zu Klientinnen und Klienten.

Ergotherapie ist Hilfe zur Selbständigkeit

Acht Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter arbeiten neben Susanne Krull in der Praxis. Ihr Mann Martin Bültmann kümmert sich um die Abrechnungen und die Finanzen. Und was machen Ergotherapeut*innen? „Ergotherapie“, so Susanne Krull, „bedeutet, Menschen, denen Fähig-keiten durch Unfälle oder Krankheiten abhandengekommen sind oder die durch Behinderungen immer schon eingeschränkt waren, zu befähigen, ihren Alltag wieder selbständig zu bewältigen oder Dinge umzusetzen, die sich die Klienten wünschen und die damit die Lebensqualität erhöhen“. Nach einem Beispiel gefragt erklärt sie: „Wir hatten z.B. einen Rollstuhlpatienten, dessen Idee es war, Tennis spielen auszuprobieren. Also haben wir im großen Raum ein Feld aufgebaut, Schläger gekauft und Rollstuhltennis eingeführt. Das hat diesem Menschen ganz neue Welten erschlossen, denn er konnte motorische Fähigkeiten über eine Sportart trainieren, die ihm Spaß macht und die er trotz einer Querschnittslähmung ausführen konnte“ erinnert sich Susanne Krull strahlend.
 
Hilfe für Menschen als Berufung

Schon als sie Abitur machte wusste Susanne Krull, dass sie Ergotherapeutin werden wollte. Sie wollte Menschen helfen, indem man sich gemeinsam Ziele setzt und sie verfolgt. Problemlösung am Menschen als Kernkompetenz des Berufs, das war es, was sie faszinierte. Nach ihrer dreijährigen Ausbildung zur Ergotherapeutin 1990 in Stuttgart ging die Lübbeckerin nach Großbritannien, wo sie 18 Monate im walisischen Swansea Berufserfahrung sammelte. Es folgten drei Jahre in Bad Oeynhausen. Aber seit ihrem Praktikum in einer pädiatrischen Ergotherapiepraxis noch in der Ausbildung in Stuttgart träumte sie davon, selbst eine Praxis zu führen. Sie wollte selbstverantwortlich Menschen helfen. Menschen wie Henriette Lammert (Name von der Redaktion geändert).

https://www.hallo-luebbecke.de/data/Bildarchiv/2026/202607_Juli/20260727_hallo_minden_krull_jubilaum_1.jpg

Susanne Krull in ihrer ersten Praxis, 1996 in der Bahnhofstraße. Foto: Foto Pescht.

Die Geschichte von Henriette Lammert

Henriette Lammert ist eine langjährige, neurologisch erkrankte Klientin der Praxis. Mit Mit-te 20 erlitt sie eine Gehirnblutung und brach auf einem Parkplatz zusammen. Dabei hatte sie Glück im Unglück: Jemand hatte es gesehen, sofort Hilfe gerufen und ihr damit das Leben gerettet. Ein späterer Schlaganfall erschwerte ihre Situation. Heute ist Lammert halbseitig gelähmt und auf den Rollstuhl angewiesen. Seit über 20 Jahren kommt sie nun schon einmal die Woche in die Praxis. Das Ziel ihrer Behandlung ist, dass die Erkrankung nicht schlimmer wird und sie selbständig ihren Alltag bestreiten kann. In Susanne Krulls Praxis schätzt sie die professionelle motorisch-funktionelle Behandlung, die sie dort erfährt. Hinzu kommt eine psychisch-funktionelle Behandlung, denn zumeist ziehen Gehirnerkrankungen auch psychische Folgeerkrankungen nach sich. Bei Lammert sind es depressive Phasen, die sie mit Hilfe der Ergotherapeutin Vildan Bulut aus Susanne Krulls Team inzwischen erfolgreich in Schach hält. Dabei kann Lammert ihre Situation sehr gut erklären und einschätzen, denn sie hat selbst zuvor als Physiotherapeutin und damit einem der Ergotherapie sehr nahestehenden Heilberuf gearbeitet. Lammert hat damit die Seiten gewechselt – von der Behandlung von Patienten als Angehörige eines Heilberufs hin zur Klientin. 

Praxisgründung und Umzug

Zurück zu Susanne Krull. 1996 wagte sie den Schritt, sich selbständig zu machen. Um das wirtschaftliche Risiko zu minimieren teilte sie sich mit einer Physiotherapeutin Praxisräume in der Bahnhofstraße. Die Sorge um die finanzielle Situation war allerdings unbegründet: Nach nur sechs Wochen waren die Kapazitäten erschöpft. Sie hatte die einzige Ergotherapiepraxis im Umkreis von 20 Kilometern und wurde von Anfragen überschüttet. Aus Minden, Bad Oeynhausen und Bünde kamen die Leute in Krulls Praxis. So stellte sie schon nach sechs Wochen ihre erste Mitarbeiterin ein und im September 1996 dann Vera Hillebrand, die bis heute Teil ihres Teams ist. Damit wurden aber auch die Räumlichkeiten schon im ersten Jahr zu klein und die steile Treppe ohne Fahrstuhl war von Beginn an ein großes Manko gewesen. So zog Krull mit ihrer Praxis in die heutigen Räume in der Mühlenbrinkstraße 21, wo sie mittlerweile neben dem ebenerdig zugänglichen Erdgeschoss auch die erste Etage ausgebaut hat. Satte 400 qm Praxisfläche stehen dem Team nun zur Verfügung. 

Das Team

Susanne Krull bedauert sehr, dass ihre Mitarbeiterin Vildan Bulut aus persönlichen Gründen bald nach Dortmund umziehen wird und sie damit eine ihrer jungen, engagierten Kräfte verliert. Der Fachkräftemangel macht auch vor dem Beruf der Ergotherapeuten keinen Halt, und so könnte Susanne Krull derzeit gut und gerne zwei neue Mitarbeiter einstellen. Dabei ist ihre Lage noch relativ komfortabel, denn da sie sich als Praxisstation für die Ausbildung anbietet, kommen Auszubildende aus den Schulen in Bückeburg, Minden, Melle oder Osnabrück zu ihr zum dreimonatigen Praxiseinsatz. Immer wieder passiert es, dass Auszubildende später als Mitarbeiter den Weg zurück nach Lübbecke finden. 

https://www.hallo-luebbecke.de/data/Bildarchiv/2026/202607_Juli/20260727_hallo_minden_krull_jubilaum_3.jpg

Das Praxisteam, v.l.: Louis Hantel, Vera Hillebrand, Martin Bültmann, Susanne Krull, Selina Leva, Vildan Bulut, Carolin Frerking. Es fehlen: Josina Rocho, Celina Lewen. Foto: Petra Spona

Die Arbeitsschwerpunkte können die Mitglieder ihres Teams selber setzen, so dass die Praxis breit aufgestellt ist und in allen Ergotherapiefeldern Behandlungen anbieten kann. Dazu gehören Konzentrationsstörungen und Verzögerungen in der Wahrnehmung und Motorik in der Kindesentwicklung. Erwachsene kommen oft mit Folgeerscheinungen von Schlaganfällen, Parkinson oder Multiple Sklerose zur Ergotherapie. Typisch sind auch Behandlungen der Hände, entweder nach Handverletzungen oder bei Rheumatischen Beschwerden. Und nicht zuletzt werden Schädel-Hirntraumata behandelt. Als Susanne Krull erzählt, dass bei manchen Klienten die Verbesserung so deutlich war, dass sie sogar wieder arbeiten konnten, steht ihr ein Lächeln im Gesicht. Sie erinnert sich gerade an einige Betroffene und freut sich, dass ihr das gelingt, wofür sie sich seit 35 Jahren einsetzt: Menschen alltagsfähig zu machen und ge-sunkene Lebensqualität wieder zu steigern. 

Hausbesuche

Die Breite der Behandlungspalette macht eine der Besonderheiten der krullschen Praxis aus. Eine weitere ist die Bereitschaft, Hausbesuche zu machen. Susanne Krull kritisiert, dass manche Praxen gar keine Hausbesuche mehr durchführen. „Natürlich ist es aufwändiger, schwieriger zu koordinieren und man benötigt Praxisfahrzeuge, aber es gibt so viele Klientinnen und Klienten, die dringend Hilfe benötigen und nicht einmal mehr aus dem Haus können und gerade diese benötigen Hausbesuche“, erklärt sie. „Viele Praxen haben aber ihre Terminbücher ausreichend voll und es daher nicht mehr nötig, zu Patienten rauszufahren“ erläutert Krull die Hintergründe. „Aber wir bleiben dabei“, insistiert sie – „morgens Hausbesuche, nachmittags Schüler und Berufstätige hier in der Praxis“.

Gesellschaftlicher Stellenwert der Ergotherapie

Wie sich der Stellenwert der Ergotherapie verändert hat? Susanne Krull sieht die Entwick-lung sehr positiv. Als sie begann, sei Ergotherapie nur wenig bekannt gewesen. Sie selbst habe als Pionierin gewirkt, Vorträge gehalten, ihr Berufsfeld bei Ärzten vorgestellt, Eltern in Kindergärten erklärt, wann eine Ergotherapie helfen könne. Das Bewusstsein dafür, dass bestimmte Verhaltensauffälligkeiten Anzeichen einer Erkrankung oder Entwicklungsverzögerung sein konnten und behandelbar waren, sei damals noch wenig vorhanden gewesen. „In der Schule wurden entsprechende Kinder gerne als ‚Klassenkasper‘ abgestempelt, Erwachsene sind an Schlaganfällen häufig einfach gestorben, weil sie nicht erkannt wurden“ bringt Krull die Situation ihrer Patientenklientel vor etwa 30 Jahren auf den Punkt. Mittlerweile habe die Medizin allein bei Schlaganfallpatienten deutliche Fortschritte erzielt und auch das Bewusstsein gegenüber Verhaltensauffälligkeiten von Kindern sei deutlich gestiegen. „Anderseits“, wirft Krull ein, „entstehen durch Phasen wie Corona oder den exzessiven Gebrauch bzw. Missbrauch neuer Medien neue neurologische Probleme, Sozialphobien, Ängste, moto-rische Störungen oder Haltungsstörungen, die alle der Behandlung bedürfen. Der Bedarf nach unseren Tätigkeiten bleibt also hoch“ stellt sie fest. Leider aber könne man nicht allen Menschen helfen und sie erinnert sich daran, das einer ihrer Lieblingspatienten vor zwei Jahren starb. Da sei ihr bewusst geworden, welch großen Anteil die einzelnen Klienten an ihrer Motivation für diesen Beruf haben. „Es gibt tolle Patienten, die man jede Woche sieht und weshalb man sich freut, zur Arbeit zu gehen“ stellt Susanne Krull am Ende ihres Rund-gangs durch die Praxisräume fest. Und deshalb werde sie auch nach 30 Jahren mit demselben Engagement weitermachen wie bisher.

Quelle: Praxis für Ergotherapie Susanne Krull